Ein wenig Wasser reicht

Zwischen all den Aufregern, wie wir ohne den Tankrabatt überleben, und warum Trump zu blöd war, seine geheimen Staatspapiere (für den späteren Verkauf?) besser zu verstecken, oder wie in China 150 Katzen vor dem Verzehr gerettet wurden (samt der Spatzen, die man als Lockvögel eingesetzt hatte) verbirgt sich der Bericht über eine schleichende Katastrophe: Schulschließungen in der Pandemie haben den Bildungsfortschritt um 20 Jahre zurück geworfen. Wenn das schon für die Greatest Nation on Earth gilt, wieviel mehr in den sich noch entwickelnden Ländern, ja selbst bei uns?

Dabei genügen sprichwörtlich ein paar Tropfen Wasser, um selbst in der Wüste Pflanzen zum blühen zu bringen. Das gilt auch für die schulische Bildung. Tief im Herzen bin ich noch Lehrer, daher der biblisch klingende Vergleich (aber mir fällt keine bessere Metapher ein). Es ist schon einige Jahre her, dass ich auf einer Reise in den Westen Nepals eine Dorfschule besuchen konnte. Wie die Lehrer um Löcher in der Tafel herumschreiben mussten und die Schülerinnen und Schüler – nach langen und gefährlichen Schulwegen – mit ihren Bücher und Heften vor ihnen auf dem Boden lernen mussten, das bleibt mir ewig in Erinnerung.

In einer Dorfschule in Südindien habe ich ein Projekt betreut, bei dem Schüler(innen) große Karten ihres Dorfes zeichnen sollten. Aus dem Projekt entstand eine Posterkarte, die wir hier in Deutschland gedruckt und als Beilage in meiner Zeitschrift publiziert haben. Die Schüler zeigten ein Talent, das man ihnen – barfuß im Staub und in Gluthitze Rechnen und Schreiben lernend – gar nicht zugetraut hätte.

Dorfschule in Südindien

Und ein amerikanischer Freund bat mich, eine Unterrichtsstunde in seiner Klasse an einer Brennpunktschule in St. Paul (Minnesota) zu unterrichten. Ich musste durch eine Metallschleuse, bevor ich in das Gebäude konnte. Die Klasse einer Highschool-Oberstufe arbeitet an einem Schülerzeitung-Projekt. Die Schüler hatten alle denkbaren Hautfarben und kamen aus Haiti, Laos oder den Armenvierteln von St. Paul. Auch hier ließen sich unglaubliche journalistische Talente erkennen. Das Engagement eines Lehrers, wie Kelly es war, sollte nicht nur mit mehr Geld, sondern gleich auch einer Freedom Medal bezahlt werden.

Das gilt auch für Nachbarn in unserer Siedlung. Beide arbeiten in einer Berufsschule und haben während des Lockdowns die Schüler aus Eritrea, dem Irak oder Syrien in der eigenen Garage an Werkzeugen und Motoren unterrichtet.

Die Pandemie hat Lehrer (und Eltern!) beispiellos heraus gefordert. Trotzdem sind die Folgen bei Kindern und Jugendlichen unabsehbar. Es ist entwicklungspsychologisch gut erforscht, wie wichtig kontinuierliches institutionalisiertes Lernen im frühen Schulalter ist. Das kann man nicht einfach mal ein halbes Jahr unterbrechen, wie einen Volkshochschulkurs für Erwachsene. Die Konsequenz, keine Schulschließungen mehr zuzlassen, hat sich jetzt weltweit (außer in China) durchgesetzt.

Am schlimmsten finde ich die Vorstellung, dass wir damit die „Bildung“ von Kindern den sogenannten Influencern überlassen. Im besten Fall locken sie „nur“ in überflüssigen Konsum oder den Traum von Dubai, im schlimmsten nutzen Neonazis, religiöse Fundamentalisten und autoritäre Systeme weltweit das Medium Internet zur Rekrutierung und zur Hetze.

Das fällt der Menschheit sicher noch auf die Füße, wenn es das nicht schon jetzt tut.

3 Gedanken zu “Ein wenig Wasser reicht

  1. Danke für die Einordnung und den Weckruf. Ich war selber schon zu Gast in indischen Schulen und das hallt immer noch in mir nach. Besonders wenn ich manchmal deutsche Schüler sehe, wie sie sich mit hängenden Schultern und Mundwinkeln zur Schule schleppen 😉

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  2. Ja, ein großes Problem. Hier in Indien hatten die Schulen 1,5 Jahre weitgehend geschlossen. Man versuchte zwar online und sogar übers Fernsehen Unterricht anzubieten, aber was nützt dies der Landbevölkerung mit einer schlechten Stromversorgung und einem Handy, das die ganze Familie braucht? Die Schere zwischen arm und reich ist nochmals größer geworden.

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