In den Fängen von Ahmed

Es passiert ja eigentlich jedem, von Marokko bis Jaipur. Aber wenn es selbst erfahrenen Reisenden passiert, dann gibt das doch zu denken. Ich fand die unten stehende Sequenz auf meinem inzwischen geschlossenen Reiseblog:

Als wir noch auf dem Gehsteig in der Innenstadt von Kayseri über die Richtung zum Alten Bazar debattierten, kam Ahmed auf uns zu. Aus dem Nichts, wie der Dschinn aus Aladdins Wunderlampe. „Aus Deutschland?“ fragte er in sehr gutem Deutsch. Wir kamen ins Gespräch und er bot uns an, den Weg zum Bazar und zur Karawanserei zu zeigen. Von da könnten wir uns dann alleine orientieren. Kaum jemand in Kayseri kenne den Bazar noch. Deutsch habe er durch Bücher gelernt, sein Onkel aber sei schon seit 20 Jahren in Frankfurt. Seine Erläuterungen auf dem gemeinsamen Weg waren kenntnisreich und überzeugend. Wir verloren Sinn für Ort und Richtung, wahrlich ein Dschinn.

Was er beruflich mache, fragten wir, was naheliegend war, denn er schien nicht auf die einzigen ausländischen Touristen heute gewartet zu haben. Im Textilgeschäft sei er tätig. Das war schon Teil des orientalischen Märchens, wie sich später herausstellte.

Wir überquerten einen Platz mit Parkbänken und schönen Tulpenbeeten und erreichten den überdachten Bazar, den drittgrößten in der Türkei, wie Ahmed erläuterte. Wir wanderten durch das bunte Gewimmel des Bazars und kamen auf der anderen Seite im gleißenden Sonnenlicht wieder heraus, genau gegenüber der alten Karawanserei. Ahmed zeigte uns deren Innenhöfe, wo im Untergeschoss die Kamele versorgt und auf der Galerie die Geschäfte getätigt wurden. Ballen von Schafwolle lagen herum, Männer saßen auf Bänken und beobachteten uns Besucher. Über den Balustraden hingen Teppiche.

Ganz am Ende einer mit vielen Kuppeln überdachten Halle lag Ahmeds kleiner Laden. „Nur auf einen Cay hereinkommen“, meinte er. Nun, wir waren auf alles vorbereitet, hatten aber – wie uns klar wurde – bereits den frühsten Fluchtpunkt verpasst. Der Tee kam und Ahmed unterrichtet uns über Geschichte und Kunst des türkischen Teppichknüpfens. Auch hier war er sehr kenntnisreich und überzeugend. Vielleicht seien wir ja an einem Teppich interessiert, ließ er einfließen.  Und schon lag vor uns auf dem Boden ein schönes Stück, verlockend, aber irgendwie auch nicht.

Um die Geschichte dieses orientalischen Klassikers abzukürzen: Wir ließen mit großem Bedauern einen sehr verzweifelt wirkenden Ahmed mit seinen Teppichen zurück. Alle Beschwörungen, wir könnten jeden Preis bestimmen, wir seien heute seine ersten Kunden, der Winter sei sehr hart gewesen, verfehlten ihre Wirkung bei uns. Ich konnte gerade noch versichern, dass der höchstmögliche Preis für das schöne Stück sicher immer noch zu wenig sei, aber nun war Ahmed untröstlich. So verließen wir die Karawanserei etwas hastiger, als es diesem sehr sehenswerten Ort angemessen war, nur um uns dann – Ahmed darf das nie erfahren – in den modernen Boutiquen der Innenstadt per Kreditkarte zu berauschen.

Merke: Teppichhandel ist nur was für Aladdin mit der Wunderlampe. Ganz sicher hätten wir einen fliegenden Teppich gekauft, und sei es nur um dem Teppichhändler damit zu entfliehen.

Ein Gedanke zu “In den Fängen von Ahmed

  1. Sehr schön, habe ich in Indien auch erlebt. Tat mir innerlich auch weh und leid … aber ich laufe am Liebsten barfuß auf Holz und das konnten die Jungs gar nicht verstehen … 😉

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