Retro Meghalaya

Ein Radiosender (‚die besten Hits der 60ziger, 70ziger und 80ziger‚) spielte neulich einen Song, den vor 43 Jahren ein 8-Jähriger auf der Bühne seiner Schule präsentierte – in Cherrapunji. Das ist eine kleine Stadt scheinbar am Rand der Erdscheibe.

Mit einem Special Permit im Pass reisten mein Freund und ich im September 1979 von Guwahati, der Hauptstadt Assams, nach Shillong in Meghalaya. Beide Bundesstaaten sind Teil der Seven Sisters in Nordostindien.

Die sieben Bundesstaaten auf einer alten Karte

Der Bus mühte sich aus dem Brahmaputra-Tal hoch ins Bergland der Khasi und Garo Hills, benannt nach den beiden größten Volksgruppen in Meghalaya. Von Shillong aus machten wir einen denkwürdigen Tagesausflug in die kleine Stadt Cherrapunji, jedem Geographie-Schüler bekannt als einer der Orte mit den höchsten Niederschlägen der Erde. Pro Jahr fallen hier mehr als 11.000 mm Regen (z. Vgl. in Berlin 335 mm, in Cherrapunji regnet es 30-mal so viel).

Wir wanderten durch den Ort in Richtung Süden. Von knapp 1.500 m Höhe fällt das Plateau von Meghalaya steil ab in die Ebene von Bangladesh (mein Karma schickte mich acht Jahre später mit Familie dorthin, aber weder ahnte ich das im Jahr 1979, noch hatte ich damals Familie). Flüsse und Bäche, wohin man schaut, eine stark zerfurchte Landschaft, von den gewaltigen Niederschlägen geprägt. Und die fallen in ebenso gewaltigen Wasserfällen über den Klippenrand.

Im September macht der Südwestmonsun noch allerletzte Anstrengungen, feuchte Luftmassen aus Bengalen stoßen an den Gebirgsriegel, auf dem Cherrapunji „thront“. So brandeten Wolken wie Dampf an den Klippenrand, aus der Waschküche unten in der Ebene. Ab und an geben sie den Blick frei auf die Flusslandschaft des nördlichen Bangladesh.

Uns waren Friedhöfe und Kirchen bei der Wanderung aufgefallen. Das vermuteten wir hier, am Rande Indiens, zu allerletzt.

Vor einer Kirche wie in Schottland sprach uns ein Pater an, ob wir nicht die nahe gelegene Schule besichtigen wollten, die Kinder würden sich bestimmt freuen. Ausländische Besucher hier waren so selten wie ein Meteoreinschlag. Eigentlich mussten wir den Bus zurück nach Shillong erreichen, aber unsere Neugier überwog.

Es war Mittagspause, auf dem Schulhof tobte der Bär. Eine Schwester zeigte uns Klassenräume und Unterrichtsmaterial (ich war damals Lehramtsstudent und hatte daher auch ein fachliches Interesse). Mit Pausenende versammelten sich die Schüler in einer Art Aula. Es gäbe ein Performance für uns, meinte die Schwester. Wir waren gespannt auf neue kulturelle Eindrücke. Für die Schülerinnen und Schüler waren das wohl diese zwei Fremden mittenunter ihnen.

Ein 8-Jähriger betrat die Bühne, kurze Hose und blaues Hemd als Schuluniform, nahm Position ein und sang aus voller Kehle: By the rivers of Babylon, there we sat down. Ye-eah we wept, when we remembered Zion.

Wir trauten unseren Ohren nicht und auch nicht unseren Augen: Der Pimpf spielte perfekt Luftgitarre. Zuletzt gehört hatten wir den Gassenhauer in den Bars von Bangkok ein paar Wochen vorher. Aber hier, im frommen Convent? Und in Nordostindien, ohne Kontakt zum Rest der Welt?

Junge Khasis auf dem Weg zur Schule

Wir bedankten uns bei Schülern und Lehrern und machten uns etwas verwirrt auf den Weg zurück nach Shillong.

Tags darauf spazierten wir durch den Bazar der Hauptstadt Meghalayas, die sich zwischen grünen Hügeln verläuft. Im Frischmarkt wird Schweinefleisch verkauft, außer in Goa einzigartig in Indien. Die Mehrheit der Khasi und Garo sind Christen, von Schotten einst „missioniert“. Ihre Sprache wurde als Schrift lateinisiert, auch eine singuläre Erscheinung in Indien.

Eine Rückkehr nach Meghalaya steht auf meiner Bucket List before I die. Nach Assam und sogar nach Arunachal Pradesh bin ich im Jahr 2016 zurück gekommen. Und mit einem Girl aus den Garo Hills hatte ich noch ein Jahr Briefkontakt: Sie war Stewardess auf meinem Rückflug mit Air India!

Boney M.’s Song passt heute wieder: Then the wicked carried us away in captivity. Required from us a song. Now how shall we sing the Lord′s song in a strange land. By the rivers of Babylon, there we sat down. Ye-eah we wept, when we remembered Zion.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eN3Fmpnoado

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