Harmonie an der Taiwan-Straße?

Im Konfuzius-Tempel von Nagasaki kann der Besucher ein Experiment wagen: Es gilt, mit einer Schöpfkelle einen Kessel bestmöglich mit Wasser zu füllen. Je voller der Kessel, je prekärer sein Gleichgewicht. Ein Tropfen zu viel und der Kessel kippt das Nass zurück ins Becken. Der Reiz, diesen optimalen Punkt des Gleichgewichts zu erreichen, strebt jeder Besucher (und Besucherin) an, er endet aber meist im Desaster.

Es scheint, dass dieser Tage das Gleichgewicht an der Taiwan-Straße gekippt ist. Das Streben nach Harmonie im Sinne eines Gleichgewichts bestimmt nicht nur chinesisches Denken, sondern auch die Politik der Regierung in Peking.

Jedenfalls Gleichgewicht aus Pekinger Sicht. Denn in einer multipolaren Welt verschieben sich die Gewichte permanent und drohen den geopolitischen Kessel aus der Balance zu bringen. Einer der Faktoren ist die Volksrepublik selber, deren wirtschaftlicher Aufstieg ein neues Kräftegleichgewicht auf dem Globus sucht. Die bislang „letzte Supermacht“ USA hat – so scheint es – Schwierigkeiten, einen Platz in diesem Gleichgewicht zu finden. Dabei hat sie einen nicht unwesentlichen Anteil am Aufstieg Chinas.

Nun gibt es zwei Konzepte von „China“: Eines wird dominiert von der Kommunistischen Partei auf dem Festland, ein anderes vom Parteienspektrum auf der Insel Taiwan. Beide halten daran fest, dass es nur ein China gibt, eben derzeit mit zwei politischen Systemen. Das Festlands-China verbittet sich jede Einmischung in die Angelegenheiten Chinas diesseits und jenseits der Taiwan-Straße. Und das China auf der Insel Taiwan besteht auf einem eigenständigen politischen Weg. Dieses prekäre Gleichgewicht, besser sagt man wohl: dieser Status quo, ist in Gefahr, es fehlt ein letzter Tropfen und der Kessel kippt.

Seit meinem Studium haben mich Geographie, Geschichte und Politik Chinas interessiert. Schon als Teenager erhielt ich vom deutschen Programm von Radio Peking (dem ich über das Kurzwellenprogramm einmal einen Empfangsbericht geschickt hatte) schöne Kalender und eine kleine Mao-Bibel. Die Zeiten sind seit über 45 Jahren Geschichte. Ein wenig vom traditionellen China fand ich im Frühsommer 2007 noch in der Altstadt von Guangzhou, wo Alt und Jung auf der Straße sich mit Brettspielen die Zeit vertrieben.

In der Altstadt von Guangzhou (2007)

Diesen Blog tippe ich auf einem kleinen Notebook von Acer. Die Firma hat ihren Sitz in Taipeh, aber das Gerät trägt das Label „Made in China“, wurde also auf dem Festland produziert. Schade, dass in der Wirtschaft vieles von „ein China, zwei Systeme“ funktioniert, was in der Politik immer schwieriger wird.

Guter Überblicksartikel in THE GUARDIAN online, 3.8.2022: China and the US are facing off – and we in Taiwan are caught between them.

Reaktionen als Timeline auf der Webseite von Global Times, Beijing 3.8.2022

Kommentar in der New Straits Times, Kuala Lumpur zum Pelosi-Besuch auf Taiwan, 8.8.2022

Opinion | Chinese No Longer Recognize the America They Once Admired – The New York Times (nytimes.com) 8.8.2022

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