„Vergangen, aber nicht vergessen“

Ein eindrucksvoller Erinnerungsort an Gräuel der Vergangenheit liegt zugleich an einem der schönsten Orte Sabahs: das Kundasang War Memorial am Fuß des Mount Kinabalu.

Es ist ein Ort, der vor allem für Australien eine besondere Bedeutung hat, weil im Gefangenenlager Sandakan und auf Todesmärschen nach Ranau, hier in Sichtweite des Mount Kinabalu 1787 junge australische Männer zu Tode geschunden wurden. In einer Zeit, in der Kriegsverbrechen jeden Tag unsere Schlagzeilen bestimmen, wirken solche Erinnerungsorte schockierend aktuell.

Von 1943 bis zur Kapitulation 1945 kamen bis auf sechs, die dem Lager in Sandakan entkamen, alle australischen Kriegsgefangenen in Nordborneo ums Leben.

Erst in jüngster Zeit ist die Erinnerung daran in Australien wieder lebendig geworden, auch Dank einer Initiative der Historikerin Lynette Ramsay Silver. Der Gedenkort liegt auf einem Hügel im Zentrum des kleinen Ortes Kundasang, der gewöhnlich als Basis für Ausflüge in den Mount Kinabalu Nationalpark gilt.

An einem Parkplatz, von dem aus die Geschäfte und Fastfood-Restaurants zu erreichen sind, liegt das Tor zur Gedenkstätte. Sie öffnet um 9.30 Uhr, Ausländer zahlen einen Eintritt von 10 Ringgit.

Ich war der erste Besucher an einem unglaublich schönen, sonnigen Morgen. Der Kinabalu war wolkenfrei und überragte die Umgebung wie ein gewaltiges Mahnmal der Natur.

Nach einem steilen Treppenanstieg erreichte ich einen Vorgarten, von dem aus weitere ummauerte Gärten zu erreichen sind. Im English Garden erinnerte eine Tafel an die 641 Briten, die auf den Todesmärschen ihr Leben verloren.

Auf der obersten Plattform umrahmen ein Säulengang und ein Brunnen jene Mauer, auf der alle über 1787 Namen der in Nordborneo umgekommen Australier alphabetisch aufgeführt sind. Für den Südkontinent, der auf seinem Territorium keine Kriege führen musste, sind die Verluste von Söhnen, Brüdern und Ehemännern, ein besonderes Trauma. Hier in Südostasien zahlten sie für die militärischen Aggression Japans, welche Raum und Rohstoffe beanspruchte, ja sich zynischer Weise als Anwalt der Asiaten gegen europäische Imperialisten aufführte, mit ihrem Leben.

Zurück in einer kleinen Cafeteria, in der man auch allerlei touristischen Krimskrams kaufen konnte, fand ich eine Wand, auf der Zeitungsartikel aus australischen Zeitungen zur Erinnerungskultur zu lesen waren.

Jedes Jahr findet zudem ein Gedenkmarsch über die 260 km von Sandakan nach Ranau statt (hier ein Bericht zum Marsch im April 2022), an dem eine kleine Gruppe von lokalen Aktivisten teilnimmt. Sie wollen die Erinnerung an ihre Befreier wachhalten.

Petagas Memorial Garden in Kota Kinabalu

Gegenüber dem Flughafen von Kota Kinabalu, jenseits der Fernstraße und der kleinen Bahnstrecke nach Beaufort, liegt der Petagas Memorial Garden.

Er ist über 200 hingerichteten oder umgekommenen Widerstands-Kämpfern aus der lokalen Bevölkerung auf Borneo gewidmet, die hier eine Ruhestätte gefunden haben.

Angehörige der Verstorbenen, sogar noch einige Überlebende besuchen diese Gedenkstätte im Verkehrsgewirr von Sabahs Hauptstadt ab und zu.

Kundasang und Ranau, Labuan und Sandakan, aber auch die Petagas- Erinnerungsstätte in Kota Kinabalu sind Orte, die vielleicht für viele Touristen in Nordborneo nicht im Mittelpunkt stehen mögen. Dafür bietet die Natur, von Strand über Dschungel bis zum Bergland, genug an Programm und Abenteuer. Aber mir erscheint es wichtig, dass die Erinnerung an Borneo als globalem Kriegsschauplatz nicht übersehen wird.

Die hier, wie auch in Malaya, Burma und Nordostindien gefallenen Soldaten und ermordeten Gefangenen und lokale Widerstandskämpfer verdienen, dass wir uns an sie erinnern. Und sei es nur, weil zur Zeit in Europa wieder Menschen, Soldaten wie Zivilisten, für ein politisches Ziel – wenn nicht ein Verbrechen – sterben müssen. Daran sich an einem strahlenden Sommertag bei uns und vor ein paar Tagen in tropischer Landschaft erinnern zu müssen, ist traurig – mehr noch, es eröffnet einen Abgrund.

P.S.: Die New York Times veröffentlichte gerade einen Bericht zum Kampf um das Azostal-Werk in Mariupol. New York Times, 24.7.2022

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