Kaschmir-Trigger

Vor 45 Jahren und in einer anderen Welt: Ein Blogger-Kollege erinnerte mich dieser Tage an zwei abenteuerliche Wochen in Kaschmir. Es war September 1977 (der „deutsche Herbst“). Mit zwei Freunden war ich auf dem Weg von Aachen nach Calcutta in diese herrliche Berg- und Seenwelt gereist. Eigentlich sogar geflogen, denn als wir berieten, welchen Bus wir von Amritsar aus nehmen können, meinte ein indischer Nachbar im Goldenen Tempel: „Why don’t you fly?“ Auf die Idee wären wir mit unserem extrem schmalen Budget (wir hatten gerade im Gästehaus des Sikh-Tempels kostenlos übernachtet) nie gekommen. Low cost-Jetten gab es damals nicht.

Aber wir gingen zum Indian Airlines-Büro in der Nähe, Fragen kostet nichts. Dort erfuhren wir, das in drei Stunden oder so ein Jet nach Srinagar geht, für 17 US$ könnten wir mitfliegen. Gesagt getan und so saßen wir am selben Nachmittag in einer leeren B-737 auf dem Weg nach Srinagar.

Wir mieteten uns ein Hausboot am Nageen Lake, etwas außerhalb der Großstadt und verbrachten erholsame Tage in diesem kleinen Paradies. Nach der anstrengenden Anreise über die Türkei, den Iran und Afghanistan war das auch notwendig, bevor wir uns wieder ins quirlige Leben Nordindiens stürzten.

Ich hatte keinen Fotoapparat, dafür habe ich einen Super-8-Film gemacht. Meine beiden Freunde waren die Fotografen der Reise und haben mir einige Dias kopiert bzw. überlassen. Die hier sind also nur „Reste“ aus einem Eldorado für Fotografen.

Wir machten einen Ausflug nach Gulmarg, heute ein etabliertes Skigebiet in Indien. Zudem begaben wir uns auf ein mehrtätiges Boot-Trekking über Seen, Flüsse und Kanäle im „Großen Tal“. Die Crew ruderte, kochte und baute das Zelt auf und ab. Ansonsten ruderten wir selbst mit unserer Shikara ziellos auf dem Nageen Lake und durch dessen schwimmenden Gärten umher. Dasein im Hier und Jetzt.

Über lange Jahre war Kaschmir eine no-go-Zone, da der Bundesstaat ein politischer Hotspot ist und auch einige Ausländer ums Leben kamen. Er geriet daher auch in den Jahrzehnten später aus meinem Blick. Aber die Kaschmiris verbreiteten sich an allen Zentren des Tourismus in Indien: in Goa und Kovalam, in Darjeeling und Mahabalipuram. Es kostete die ganze Kraft ihrem Sirenengesang zu entkommen. „Just have look“, No need to buy“. War man drin, wurden die Teppiche ausgerollt, Cola oder Tee serviert. Ein kurzes Zucken aus dem Augenwinkel und du hattest verloren. Und noch ein Teppich „Just feel the wool“. Immer schneller immer mehr. „You like this design?“ „Where are you from?“ Höfliches Schweigen war schon Zustimmung, es ging nur noch um den Preis. „What is your final prize?“ Aus dem Händel heraus zu kommen war Nerven- und Willenssache.

Wäre ich eine deutscher Versicherung, die Vertreter sucht, oder würde Handyverträge oder Zeitschriften-Abos an der Haustüre verkaufen wollen, Kashmiris wären meine erste Wahl. Ihrem hartnäckigen Charme zu entkommen ist unmöglich.

Also, wenn man bei WordPress einen Bloggerkollegen „trifft“, der auch in einmal Kashmir war, dann ist das ein Volltreffer und ein Trigger zur Erinnerung.

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