Zwischen Frost und Gluthitze*

Es fällt uns meist schwer, die Gleichzeitigkeit von Temperaturextremen auf unserem Planeten wahrzunehmen. Das ist verzeihlich, denn wir leben in einer konkret erfahrbaren „Nahwelt“: unsere Wohnung, unser Dorf, unsere Stadt, unser Park.

Besonders offenbar wird das im April: Bei uns gibt es noch Nachtfröste und tagsüber wird es derzeit nicht über 20° C. In Südasien aber baut sich zur gleichen Zeit eine riesige Hitzeglocke auf. Der Zenitstand der Sonne wandert stetig nach Norden und erreicht erst am 21. Juni den nördlichen Wendekreis. So weit, so normal.

In Südasien aber trifft diese saisonale Hitzewelle zwischen März und Mai auf den Lebensraum von mehr als einer Milliarde Menschen (in Nordafrika liegt auf diesem Breitengrad die Sahara). Die Extremhitze wird für Millionen lebensbedrohend. Denn auch hitzegewohnte Menschen können auf die Dauer von Wochen keine Temperaturen zwischen 45 und 50 Grad überleben, zumal Klimaanlagen außerhalb der Reichweite von drei Viertel der dort Lebenden sind. Stromausfälle gefährden das Leben in den Metropolen sogar noch stärker, da die Betonbauten ohne Klimaanlagen buchstäblich Backöfen sind.

Brutale Hitzewelle in Indien und Pakistan bricht Rekorde. FAZ.net 16. Mai 2022

Im Südosten Indiens, in Tamil Nadu, hat es solche Temperaturen über Wochen schon gegeben. Sie machen Regionen selbst in ansonsten gut bewässerten Deltaregionen unbewohnbar.

Ich war im vergangenen August in Jordanien unterwegs. An drei Tagen zeigte mein Autothermometer weit über 40 Grad an, einmal 47 Grad. Wehe die Klimaanlage wäre ausgefallen. Nur wenige Minuten kann man sich in dieser Hitze im Freien aufhalten – das aber müssen Landarbeiter oder Rikshaw-Fahrer tagtäglich machen. Zudem gibt es nachts keine Abkühlung: In den Städten geben die Betonmauern die Hitze an die Umwelt ab, aber auch in ländlichen Regionen kühlt es nachts nicht runter.

Solche extremen Temperatur- und eben auch Niederschlagsvariationen werden durch den Klimawandel verstärkt, weil der Energiehaushalt der Atmosphäre sich verändert – man könnte sagen „virulenter“ wird. Dagegen kommen mir Ängste über einen „heizungslosen Winter“ kleinkariert vor. In anderen Regionen der Erde kämpfen Menschen jetzt schon tagtäglich mit Folgen von Klimawandel und – das wird sich noch verschärfen – von den sogenannten „Rippeleffekten“ eines Krieges in Europa: steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise entscheiden hier über Wohl und Wehe. So hat Indonesien, der weltgrößte Palmöl-Exporteur, den Verkauf des Öls ins Ausland gestoppt, weil die lokalen Preise durch die Decke schießen. Das reduziert in Indien die Verfügbarkeit jenes für die Nahrungsmittelzubereitung so wichtige Produkt um 50 %. Man könnte weitere Beispiele nennen: Ohne Weizen aus der Ukraine werden die Ägypter bald ihr Brot nicht mehr bezahlen können – was schon früher zu Aufständen geführt hat.

Die Botschaft ist: Bei uns den Ball flach halten und nicht jede mediale Aufregung zu Inflation und Knappheiten mitmachen. Gleichzeitig aber heißt es sich bewusst werden: Wir diskutieren wieder über Atomwaffeneinsatz. That scares the shit out of me.

Ungewöhnliche Frühlingshitze in Indien. Spektrum.de, 26.4.2022

Schütze sich, wer kann. Spiegel online, 28.4.2022

*Das Foto oben stammt aus Rameswaram im Juli 2012. Pilger lassen sich in der Mittagshitze mit heiligem Wasser abkühlen.

Ein Gedanke zu “Zwischen Frost und Gluthitze*

  1. Da bin ich ganz dabei. Bis zu einem gewissen Maße lassen sich Dinge und Zustände recht einfach erwärmen oder schlimmstenfalls auch kalt ertragen. Bei Hitze ist das aber etwas anderes.

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