Park Street Cemetery: Totenstadt der Kolonialherren

Read & Listen. „I vow to you my country“

An einem Augusttag vor ein paar Jahren betrat ich einen verwunschenen Ort mitten in Calcutta. Hohe Mauern trennen ihn von der quirligen Park Street. Der Besucher passiert ein Tor und ein Parkwächter kassiert den Eintritt. Ich spazierte unter dem Dach aus hohen Bäumen, zwischen Türmen und Tempelchen und mit Moos überwachsenen Steinen. Es ist ein uralter Friedhof, dessen Geschichte bis ins späte 18. Jahrhundert zurück geht. Die Monsunwolken hielten bei meinem Besuch zwar die Sonne fern, aber unerträgliche Schwüle und das Dämmerlicht machten daraus ein Dampfbad in freier Natur.

Im Januar 1888 beschreibt ein junger anglo-indischer Reporter seinen Besuch auf dem Friedhof an der Park Street so: Einmal drinnen, steht der Besucher im Herzen der völligen Verwüstung. … Die Gräber sind kleine Häuser. Es ist, als ob man durch die Straßen einer Stadt ginge – eine Stadt, die vom Feuer zerlegt und von Frost und Belagerungen gezeichnet ist. Die Hinterbliebenen müssen Angst gehabt haben, dass ihre Freunde zu früh auferstehen und haben sie deshalb mit so grausamen Mauerwerkshaufen beschwert. Ein starker Mann, eine schwache Frau oder jemandes ‚Kleinkind im Alter von fünfzehn Monaten‘ – für jeden dasselbe. Ein gedrungener Obelisk, ein verunstalteter klassischer Tempel – die schwere Platte, das rostzerfressene Geländer, die wuchtigen Cherubs und die apoplektischen Engel.“

Der junge Mann war Rudyard Kipling, der als Korrespondent einer Zeitung in Allahabad nach Calcutta gekommen. Noch war der gerade 23-Jährige nicht der angehende Bestsellerautor des imperialistischen Zeitalters, sondern ein scharfzüngiger Beobachter seiner Landsleute in Britisch Indien. Er fasste seine Tage in Calcutta in einem Büchlein „City of Dreadful Night“ zusammen und rechnete mit der Doppelzüngigkeit und dem schwülstigen Gerede und Gehabe ab.

Kipling macht sich lustig über eine Gräberkultur, die jeden weißen Briten zu einem Heroen stilisierte. Aber gestorben wurde jung, die für die Kolonialherren (und -damen, samt Nachwuchs) schwer erträglichen klimatischen Bedingungen in Bengalen sorgten für nur kurze Lebensspannen. Auf den wenigen noch lesbaren Inschriften hatten die Verstorbenen ein respected Leben, im Tod wurden sie von den Hinterbliebenen lamented. Ob sie nun 27, 38 oder nur 10 Jahre alt waren, sie starben alle viel zu früh in der Fremde am Unterlauf des Hughli-Flusses.

Heute ist der sich selbst überlassene Friedhof eine Ruhezone im Gewühl der 10-Millionen-Stadt, wenngleich eine gespenstige. Was für ein Glück, dass der Friedhof um 17 Uhr, also vor Sonnenuntergang geschlossen wird. Hier ruhen Menschen, die ihr Glück in der Ferne suchten – und solche Glücksritter kannte das britische Empire genug.

„Männer waren wohlhabend in jenen Tagen,“ schreibt Kipling. „Sie konnten es sich leisten, einhundert Kubikfuß Gestein aufs Grab zu werfen.“ Selbst solche einfachen Personen, wie jener Jno. Clements, Captain of the Country Service, 1820. „Wir wollen ein wenig über die Grabsteine lästern, während wir dem Anschein frommer Gedanken auf den Pfaden zwischen den Gräbern nachgehen,“ gibt er zu. Und als Beispiel wählt er das Grab einer 1776 im Alter von 23 Jahren verstorbenen Lucia. Die ihr gewidmeten Verse nimmt er zum Anlass, mit beißender Ironie jene pot-bellied East India-Männer anzuklagen, die junge, ahnungslose Mädchen aus dem Mutterland für eine hoffnungsvolle Zukunft in die Ferne holten. Dort erlagen sie, wie Lucia, oft nach kurzer Zeit dem Tropenklima.

Der Park Street Cemetery öffnet ein Fenster in jene Zeit, als Britannien die Welt beherrschte. Heute verschwinden die Gräber unter dem üppigen Leben der tropischen Pflanzenwelt. Vielleicht verhindert diese, dass die alten Geister wieder zum Vorschein kommen.