Kleines Land – groß in der Welt

Die Sonne versinkt als goldener Ball hinter dem Horizont. Die letzten Surfer nutzen noch jede Welle, die der Atlantik heran führt. Bald nimmt die Dämmerung überhand. Hier ist also das Ende der Welt. Am Horizont beginnt das Nichts.

Ich stand vor einigen Tagen am Strand bei Esposende, eine halbe Fahrstunde nördlich von Porto. Nach der kirchlichen Lehre des Hochmittelalters befinde ich mich hier am Rand der Erdscheibe. Und so stellt es auch die Weltkarte dar, die um 1300 im Kloster Ebstorf bei Lüneburg entstand.

Auschnitt aus der Weltkarte Ebstorf: (1) Linker Fuß Christi am unteren Rand der Karte. (2) Turoqua mit einem Turm. Möglicherweise der Leuchtturm von Aveiro. (3) Stadtsignatur für Santiago de Compostela. (4) La Coruna. (5) Duero

Die Weltkarte hat einen Durchmesser von rund 3 1/2 Metern. Das Rechteck markiert den oberen Ausschnitt zu Portugal und Galizien.

Was wäre mir an einem solch schönen Abend Ende des 13. Jahrhunderts durch den Kopf gegangen? Ich wäre Bürger des Königreichs Portugal, das schon damals in seinen heutigen Grenzen bestand. Genauer, ich wäre Untertan des Königs. Eine Frage, warum die Sonne später in meinem Rücken wieder aufgeht, hätte sich nicht geziemt. Aber diese Fragen wurden gestellt. Vielleicht weniger von den Untertanen, jedenfalls von den Herrschenden.

Was bleibt einem kleinen Land am „Rand der Welt“ auch übrig, als danach zu fragen, ob es hinter dem Horizont weiter geht. Zweihundert Jahre nach der Entstehung der Ebstorfer Weltkarte ist Portugal, mit seinen damals gerade einmal 1 Mio. Einwohnern, weltweit präsent. Eine Kette von Forts und Faktoreien zieht sich entlang der Küsten Afrikas und vom Persischen Golf über Südasien nach Malaysia und China. Auch die Sprache der neuen Christenmenschen entlang der Handelsroute ist Portugiesisch.

In der Konkurrenz mit dem benachbarten Kastillien wurde der Erdball sogar im Vertrag von Tordesillas von 1494 aufgeteilt, von der selben Kirche, die zuvor die Infragestellung der Erde als Scheibe als Ketzerei bezeichnet hatte. Um es abgewandelt zu sagen: Irren ist kirchlich.

Der Abschied von der Vorstellung einer flachen Welt, der noch heute Millionen in den USA schwer fällt, vollzog sich nicht über Nacht, aber doch in nur wenig mehr als einem halben Jahrhundert. Die Rolle des Dom Henrique de Avis, den wir als „Heinrich der Seefahrer“ im Geschichtsbuch (Kapitel „Zeitalter der Entdeckungen“) kennen lernen, ist bekannt. Er förderte von Sagres und Lagos an der Algarve aus systematisch Exploration, Navigation und Schiffsbautechnik.

Vier Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1460 vertraute sich Vasco da Gama einem muslimischen Lotsen aus Malindi im heutigen Kenia an, der ihn auf längst bekannten Routen und  Windsystemen sicher an die indische Küste brachte (und zurück).

Wissenschaftliche Neugier macht große Forscher und Entdecker aus. Aber ihr Enthusiasmus allein erklärt noch nicht, wie wirksam sie auf die Gesellschaft sind. Damals war es die Gier nach Reichtum für absolutistische Monarchien und Seelen fangen für die Kirche. Mit den Seelen ist es so eine Sache, aber Fakt ist, die katholische Kirche östlich von Aden verdankt ihre Existenz den Portugiesen.

Der Reichtum aus Plünderungen war für Portugal weniger bedeutend, als für die Raubzüge der Spanier in Südamerika. Zumal ein Teil der ungeheuren Gewinne buchstäblich auf der Strecke (in den Taschen der Schiffskapitäne) blieb. Aber genug davon kam bis Lissabon – und wurde sogar aus den Trümmern der zerstörten Stadt nach dem Erbeben vom Allerheiligentag 1755 – vor 256 Jahren – gerettet.

Nachdem die Welt in ihrer Ausdehnung entdeckt ist, geht es Forschung und Wissenschaft heute darum, die Existenz ihrer Bewohner zu verbessern und zu sichern. Die Pandemie des neuen Coronavirus hat gezeigt, dass unser Planet noch für unliebsame Überraschungen gut ist, sei es im Mikrobereich oder sei es in seiner Geologie (Vulkanausbrüche oder Erdbeben sind immer noch nicht vorherzusagen, wohin gegen wir die globale Erwärmung immerhin ganz gut erforscht haben).

Und überall, wo es Geld zu verdienen gibt, können sich Forscher mit größtem Eifer der Arbeit hingeben. Mit Investorengeld bestückt stehen sie dabei immer in Gefahr, für Profit und schiere Macht missbraucht zu werden. Wissenschaftliche Ethik ist also ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit, sollte es wenigstens sein. Von dieser Verantwortung hängt es ab, ob ihre Forschungsergebnisse oder Erfindungen Akzeptanz bei den Menschen finden. Die Impfskeptiker können davon ein Lied singen.

Auf meinem Schreibtisch steht ein kleiner Leuchtglobus. Mit dem kleinen Finger kann ich den Erdball nach Belieben drehen. Verglichen mit der frühen Neuzeit ist das allein schon ein revolutionärere Akt.