Geheimnisse im Toten Meer?

Das Tote Meer hat vor langer Zeit fünf Städte verschlungen, da sind sich die Autoren der Weltkarte aus dem Kloster Ebstorf im Hochmittelalter ganz sicher. Es ist mit roten Wellenlinien markiert. Darunter sind die fünf Stadtsignaturen zu erkennen: Sebonim, Gomorrah, Adama, Sodom und Bale. „Diese fünf Städte der Sodomiter sind wegen der Ungerechtigkeiten ihrer Bewohner von einem Feuer, das vom Himmel fiel, vernichtet worden“ (aus dem Lateinischen von H. Warnke) vermerken die Autoren in einem Text daneben.

Ich bin mit dem Auto am Ostufer des Toten Meeres unterwegs. Das Thermometer am Amaturenbrett zeigt jetzt, Ende August, 40 °C an – und es ist erst später Vormittag. Ich parke am Hochufer und schaue auf die spiegelglatte Wasserfläche. Im Hintergrund ist das israelische Ufer zu erkennen. Es trennt wie eine Linie Wasser und Himmel.

Das Ufer, ja die gesamte Gegend glüht in der Sonne, kein Busch und kein Baum werfen Schatten. Der weiße Saum am diesseitigen Ufer ist Salz, das in der Hitze aus dem Wasser kristallisiert.

Das Meer heißt Salz- auch Asphaltmeer oder Totes Meer. Es erzeugt und enthält nichts Lebendiges. Es hat weder Fische noch Wasservögel. Denn welche Lebewesen man auch immer hinein tauchen mag – und mit welcher Technik des Versenkens, alles taucht als bald wieder auf. Und auch das gewaltsam Hineingedrückte wird sogleich wieder hervorgepresst. Winde bewegen es nicht wegen des zähen Bitumens, der auch die Schifffahrt hindert. Alles Leblose zieht es in die Tiefe und trägt nichts, als was der Asphalt oben hält. Eine brennende Lampe soll angeblich oben bleiben, eine verloschene untergehen. In der Länge misst das Meer 780, in der Breite 150 Stadien, bis ins angrenzende Gebiet der Sodomiter.

Bei der Beschreibung des Meeres sind die Autor*innen aus dem Kloster nahe Lüneburg sachlich (und geographisch erstaunlich korrekt). In ihrer Weltkarte haben sie alles damalige Wissen über die Welt, mythisches, biblisches, historisches und empirisches zusammen gestellt. In die Karte fließen antike Texte, Stories aus dem Alten Testament und Berichte von Reisenden (vermutlich Kreuzritter) ein. Es ist ein einzigartiges und eindrucksvolles Dokument im Übergang vom Mittelalter in die frühe Neuzeit, kurz bevor die Erde als Kugel entdeckt wurde und die Forschungsfahrten der Iberer nach Amerika und Asien begannen. Jedem sei ein Besuch im Kloster Ebstorf empfohlen, wo eine originalgroße Kopie der berühmten Weltkarte ausgestellt ist.

Totes Meer: Schwimmen wie ein Korken

Kaum fünf Minuten kann ich mich bei über 40 Grad im Schatten (nur: kein Schatten weit und breit) neben meinem Auto aufhalten. Ich fahre weiter nach Süden bis Gawr as-Safi. Etwa hier hatten um 2000 v. Chr. die Sodomiter ihr Herrschaftsgebiet und hier müssen Sodom und Gomorrah gelegen haben. Die Bibel berichtet im Buch Genesis, Kapitel 13 bis 19 über das Schicksal der Großfamilie von Abraham, die aus Haran zugewandert war. Sein Neffe Lot, für den in Kanaan kein Weideland mehr übrig bleibt, zog in Absprache mit dem Onkel in die Stadt Sodom, mit ihren laut Bibel sündigen und frivolen Einwohnern („Sodomie“). Sie trieben es so toll, dass ihre Vernichtung eine beschlossene Sache war. Zwei Engel retteten Lot, seine Frau und die Familie in die Berge, bevor Sodom und die anderen Städte von Feuer aus dem Himmel vernichtet wurden.

Am tiefsten Punkt des Jordangrabens und am tiefsten der Erde grünt die Landschaft, wo man es am wenigsten vermutet. Eine intensive Landwirtschaft, bewässsert durch Kunststoffleitungen über die Felder, hat sich etabliert, wo die Luft nur noch flimmert. Das Grundwasser ist ausreichend (und nicht versalzen), zudem ist 400 m unter dem Meersspiegel die UV-Strahlung der Sonne geringer. Am Rand der Hauptstraße und am Berghang unterhalb der Höhle, in die sich Lot flüchtete, steht ein modernes Museum.

Mein Auto ist das einzige auf dem Parkplatz, ein Museumswärter eilt herbei, als ich ins Gebäude trete und nimmt mir den Eintrittspreis von einem Dinar ab. Die Klimaanlage ist ausgefallen (oder mangels Besucher gar nicht erst angestellt), so kann ich die Ausstellungen zur Geschichte und Archäologie der Region bei Saunatemperaturen betrachten (und dabei einen Liter Wasser zu mir nehmen). Tatsächlich ist die Gegend seit der frühen Bronzezeit besiedelt.

Damit gibt es zumindest archäologische Belege, dass hier uralte städtische Siedlungen existierten. Zudem ist der Jordangraben tektonisch labil, das heißt Erdbeben und Rutschungen sind hier durchaus möglich. Ein solches Naturereignis kann also der Geschichte von Lot einen historischen Kern geben.

Ich nehme die Straße 65 aus dem Graben auf die Hochfläche Richtung Wadi Musa. Beim Blick zurück auf die atemberaubende Geographie des Jordangrabens wird mir klar, wieviel Geheimnisse das Tote Meer erzählen könnte: von Phillistern und Ägyptern, von den Stämmen Israels und den Nabatäern, von Griechen, Römern und Phoeniziern, Omayyaden, Arabern, von Kreuzrittern und von Lawrence of Arabia.

Aber dieses Geheimnis gibt das Meer nur preis, wenn es sich vollends entleert hätte. Dann taucht wohl auch die Salzsäule auf, zu der Lots Frau erstarrte, als sie den von den Engeln verbotenen Blick zurück auf das brennende Sodom richtete.

Am Nordufer des Toten Meeres

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