Ein Beuys in Sparta

An einem entlegenen Platz auf Jemanden zu treffen, der aus einer ganz anderen Zeit stammt, ist immer ein kleines Wunder. Wer hätte erwarten können, im Olivenmuseum von Sparta einen original Beuys zu finden?

In das Museum waren wir auf der Peloponnes-Reise der letzten Wochen nur zufällig geraten, aber es entpuppte sich als Schatz: eine überaus sehenswerte Ausstellung zur Geschichte und wirtschaftlichen Bedeutung der Oliven im Mittelmeerraum, von der Bronzezeit bis heute. Ein architektonisch und konzeptionell hervorragendes Museum, irgendwo in einem Wohngebiet der Stadt versteckt.

Mein Blogger-Kollege Bernd Fessler hat kürzlich einen sehr lesenswerten Beitrag zu Josef Beuys geschrieben. Der Künstler hätte am 12. Mai diesen Jahres seinen 100. Geburtstag gefeiert. Umso schöner – und überraschender – auf eine Spur von Beuys ausgerechnet in Sparta auf der Peloponnes zu treffen. Im Museum gab es eine Abteilung „Olivenöl in der Kunst“, die neben neben klassischen Darstellungen auf Tongefäßen auch jenen Beuys ausstellte. Die Flasche Olivenöl von 1984 – auf dem Kunstmarkt derzeit zwischen 500 und 600 € wert, signiert sogar 3000 bis 6000 € – gehörte zu einem späten Werk des Künstlers aus der Serie „Multiples“.

Ein Beuys in Sparta, das ging über den Bezug zu Leonidas und den Thermopylen aus der Quarta hinaus bis in meinen Kunstunterricht in der Unterprima.

Begegnung mit Beuys auf der documenta 5

Ich hatte das Glück, am Gymnasium in der südwestfälischen Provinz einen außergewöhnlich Kunstlehrer zu haben, Lothar Grisebach. Er begeisterte mich für Kunst, vor allem Expressionismus (über seine Großeltern hatte er Ernst Ludiwg Kirchner kennen gelernt) und moderne Kunst. Eines Tages im Jahr 1972 empfahl er uns, wenn möglich die documenta in Kassel zu besuchen. Als 17-Jähriger Unterprimaner machte ich mich im Sommer zu einem Tagesbesuch nach Kassel auf.

Ich erinnere mich, dass es ein schwül-heißer Samstag im Juli war. Ich war ziemlich aufgeregt, war es doch das erste Mal, dass ich eine Kunstaustellung besuchte, und dann gleich die documenta 5.

Ich lief einigermaßen ziellos durch das Fridericianum, zu mehr blieb mir nachmittags nicht die Zeit bevor mein Zug zurück ins Siegerland ging. Ich stand vor Installationen, Videoprojekten mit Themen wie Pornografie, Gewalt in Vietnam oder deutsche Innenpolitik. Nie wieder habe ich in den Jahren danach die documenta derart politisch wahrgenommen.

In einem vergleichsweiese kleinen Raum im Erdgeschoss des Fridericianums standen ein paar Leute um einen Mann mit Hut (mir fiel das auf, weil es sehr heiß war). Sie diskutierten mit ihm. Er zeigte und erläuterte (und verkaufte) zwei Objekte. Zum einen eine Plastikeinkaufstasche mit seinem Modell einer direkteren Form der Demokratie, zum Zweiten ein Holzkistchen. Wer 5 DM zur Hand hatte, konnte ein solches Kistchen erwerben. Beuys nahm sie von einem Stapel, schrieb mit Bleistift das Wort „Intuition“ hinein und sammelte die Fünfmarkstücke ein (das Objekt „Intuition“ wird heute von Kunsthändlern zwischen 500 und 600 € gehandelt). Ich hatte leider keine 5 DM übrig. Mir ist in Erinnerung geblieben, wie engagiert und nahbar der Künstler für die Besucher war.

Ich habe später gelesen, dass Beuys an jedem der 100 Tage der documenta 5 in Kassel anwesend war!