Velankanni: glauben, hoffen und pilgern

Die Szenen rühren an: Menschen rutschen auf Knien über den Sand, fast einen Kilometer weit. Abends im Dunkeln oder auch tagsüber in Gluthitze. Rechts und links sind die Stationen des Kreuzweges aufgereiht. Familien mit Kindern, Frauen und Männer für sich allein, inbrünstig, mit gefalteten Händen.

Wir sind nicht auf dem Jakobsweg in Nordspanien, in Fatima (Portugal) oder Lourdes in Südwest-Frankreich. Wir sind im Land der Pilgernden, sei es nach Benares/Varanasi oder über den Himalaya zum Mount Kilash. Dieser Ort religiöser Inbrunst liegt an der Küste des Indischen Ozeans, 350 km südlich der Metropole Chennai. Das kleine Städtchen Velankanni ist Ziel von rund 20 Millionen Pilgern pro Jahr. Sie kommen mit Sonderzügen aus ganz Indien oder wandern über glühenden Asphalt aus den Dörfern Tamil Nadus.

Ihr Ziel ist der katholische Wallfahrtsort zur „Guten Frau von Velankanni“. Unter den Pilgern sind viele Hindus und Muslime. Beim Gottesdienst in der doppelstöckigen Basilika bittet der zelebrierende Priester vor der Kommunion, dass nur Katholiken zum Empfang der Hostie berechtigt seien. Fast entschuldigend.

Allen gemeinsam ist das Verlangen nach Erlösung von einem körperlichen Leiden. Die heilige Maria von Velankanni ist zuständig für Gesundheit und körperliche Unversehrtheit. Die „Gute Frau“ hat im Hinduismus als Göttin Mariamman die gleiche Funktion, und als Mutter des Propheten Isa wird sie auch im Koran verehrt.

Viele Pilger haben die Haare geschoren, um ein Gelübde einzulösen. Das ist tief im Hinduismus verwurzelt.

Die Andenkenläden in Velankanni oder auch die Darstellung Marias unterscheiden sich in Nichts von denen in Hindutempeln. Ein solcher Synkretismus mag manchen Fundamentalisten stören, im vielkulturellen Südindien kommt er ganz natürlich daher. Christen und Hindus pilgern auch zum muslimischen Sufi-Heiligtum in Nagore, nur rund 30 km weiter nördlich an der Cormandelküste und erbitten dort den Segen.

Aber Velakanni ist auch ein Ort der Tragödie. Die Wallfahrtskirche liegt nur etwas mehr als einen Kilometer vom Strand des Indischen Ozeans entfernt. Hier hatten sich am Morgen des 26. Dezember 2004 viele Pilger, vorallem aus Kerala und Karnataka versammelt, die Weihnachten in Velankanni verbrachten. Gegen 9 Uhr erreichte die Flutwelle des Tsunamis die Coromandelküste. Sie stoppte nur kurz vor der vollbesuchten Basilika. Aber am Strand und zwischen den Devotionalienläden kamen an die 600 Menschen ums Leben. Ihnen wurde ein Denkmal errichtet.

Individuelle Anliegen oder auch Tragödien, welche Menschen bewegt Trost auf Pilgerreisen zu finden, sind nicht auf Indien besckränkt. In Velankanni aber begegnet der Besucher dieser für rationale Menschen etwas befremdlichen Hingabe sehr unmittelbar und ungefiltert.

Der Wunsch, von einem körperlichen Gebrechen oder wie in Indien ungewollter Kinderlosigkeit durch Opfer und Gebet geheilt zu werden, entzieht sich unserer Vorstellung. Gerade in der jetzigen Pandemie zeigt sich, dass Wissenschaft und Forschung an vorderster Front der Heilung sind. Aber dem muss Glauben und Hoffen ja nicht wiedersprechen. Vielleicht pilgern wir alle irgendwann zur Gnadenkapelle „An der Goldgrube“ in Mainz.