Ross Island: Gespenster aus der Vergangenheit

In Mystery-Filmen verschlingen Wurzeln in verwunschenen Wäldern ganze Gebäude. Auf einer Insel der Andamanen-Gruppe ist das Wirklichkeit.

Aus dem Turm der einstigen Presbyterianerkirche wächst ein Baum, seine Wurzeln winden sich um ihn herum. Die Fassade des Kirchenschiffs steht noch, mit Rissen im Gemäuer und bedrohlichen Bäumen im Hintergrund. Man möchte hier nicht um Mitternacht sein. Vielleicht spielt die Orgel zur Geisterstunde noch leise I vow to thee, my country.

Diese vermeintliche Filmkulisse gibt es auf Ross Island, einer kleinen Insel gegenüber dem Hafen von Port Blair. Nicht nur die Kirche wird von Wurzeln überwuchert, auch eine Bäckerei, die Wasseraufbereitung, Wohnhäuser, der Club. Die kleine Insel in der Andamanengruppe war ein „Paris of the East“ für die, welche hier mitten im Indischen Ozean zwischen 1880 und 1940 leben durften oder mussten. Ross Island sollte eine Modellsiedlung sein, konnten die Natives das doch offensichtlich nicht.

Wer hier mitten im Indischen Ozean sein Dasein fristete, war meist im Hochsicherheitsgefängnis (Cellular Jail) auf dem Hügel, drüben in Port Blair beschäftigt. Hier hatte die britische Kolonialmacht die größte Strafanstalt in ihrem Reich East of Suez angelegt. Den Mitarbeitern und ihren Familien sollte es auf Ross Island an nichts fehlen: Es gab eine eigene Zeitung, frisches Weißbrot, einen Teich für Boating after church.

Von Port Blair ist es nur eine kurze Boostfahrt auf die Insel, deren Idylle erst ein Erdbeben 1941 und anschließend die japanische Besatzung der Andamanen 1942 ein Ende setzte. Mit der Rückkehr der Briten 1945 war auch deren Herrschaft im Niedergang, 1947 wurde Indien unabhängig. Einige Gebäude aus der Kolonialzeit sind rekonstruiert und vermitteln einen Eindruck des Lebens auf Ross Island.

Der Besucher spaziert durch eine unwirkliche Welt: Rotwild läuft herum, Pfauen kreischen, ansonsten hört man nur ab und an den Motor eines Bootes.

Dass die Japaner bis auf jenes britisch-indische Territorium vordrangen und hier drei Jahre herrschten, ist eine oft übersehene Phase des Zweiten Weltkrieges. Die Kämpfe konzentrierten sich ansonsten auf die Front in Birma. Aber hier auf den Andamanen wurde zum ersten Mal die indische Flagge gehisst – von Netaji Subash Chandra Bose. Ross Island ist daher inzwischen in seinen Namen unbenannt worden. Bose hatte gehofft, sein Heimatland mit Hilfe Deutschlands und Japans militärisch zu befreien. Er starb bei einem Flugzeugabsturz über Taiwan im August 1945, aber bis heute ist er in Indien eine Legende.

Auf dem einstigen Ross Island verschlingen Wurzeln Spuren aus einer Zeit, als der weiße Mann glaubte, die Welt mit Zivilisation zu beglücken. Wer ihm widerstand, wurde ins Gefängnis auf die Andamanen verbannt.

Der Besucher dieser gespenstischen Idylle fragt sich, ob so auch das Ende unserer zivilisatorischen Hybris aussehen könnte. Ein riesiger Ficusbaum streckt seine Wurzeln entgegen, als woll er sagen: „Warte nur, bald krieg ich Dich auch!“