Mythos Mykonos und Marco

Zweimal Mykonos im selben Jahr? Schuld an unserem Inseltraum waren Marco und seine „göttliche“ Ferienwohnung, die er passenderweise Mykonos Divino nennt. Wie für die Götter gemacht!

Wir hatten die Unterkunft über Google entdeckt (es war 2018 schwer, eine Bleibe unter 200 € pro Tag zu finden). Mykonos ist hochpreisig, aber in der Vorsaison (Mai) und am Ende (Oktober) sind die Preise erschwinglich. Bei Marcos Domizil lohnte sich jeder Euro.

Hoch über der Stadt, fast am höchsten Punkt der Insel, hatten er und seine Eltern an der Stelle eines einstigen Schafstalls ein kleines Juwel gebaut: drei verschieden große Ferienwohnungen, jede mit einem eigenen Swimming Pool. Und jede mit einer Liebe zum Detail, dass man sich nicht satt sehen konnte. Alles war von seinem Vater selbst entworfen und umgesetzt. Marcos Mutter verwaltete das Büro im Ort, von wo aus die Buchungen, die Webseite und seine kleine Mietwagenfirma betreut wurden. Er selbst pendelte zwischen Büro, Inselflughafen und Mykonos Divino hin und her.

Beim ersten Besuch auf der Insel waren wir mit der Fähre und unserem eigenen Auto von Rafina auf dem Festland aus angekommen, beim zweiten Mal holte uns Marco am Flughafen ab. Am Haus hatte er einen Smart Cabrio abgestellt, mit dem wir auf den kurvenreichen Straßen der Insel herum fahren konnten. Einen kleinen Laden mit Obst, Käse, Olivensortimente, Brot, Rotwein gab es etwas weiter unten an der Straße Richtung Hafen.

Es war der erste Besuch auf Mykonos nach 45 Jahren. Von 1975 in Erinnerung geblieben waren die weißen Häuser mit blauen Fensterrahmen oder Türen, eng gedrängt am kleinen Hafen und bewacht von einer Reihe von Windmühlen.

Inzwischen ist Mykonos zum vergleichsweise „exklusiven“ Reiseziel geworden. Verschont vom Massentourismus, wie etwa Rhodos oder Kreta, dennoch bekannt für Parties bis Sonnenaufgang, in der Stadt oder an einigen Stränden im Süden der Insel.

Früh schon hatte Mykonos die Tür für Diverse geöffnet. Man sagt, mit Jackie Kennedy-Onassis kam Flair auf die Insel – das gilt wohl für ganz Griechenland. Aber Mykonos hatte schon einen Ruf als hippes Reiseziel, als andere Regionen noch im Ruheschlaf der späten 1960er Jahre verharrten (der Kultfilm Alexis Sorbas von 1964 kommt in den Sinn). Das änderte sich mit dem Ende der Militärherrschaft 1974.

Auch in Mykonos zeigen sich die Spuren von überzogenem Tourismus: Kitsch und Nippes an vielen Ecken, Preise weit über dem Durchschnitt. Die zunehmende Zersiedelung und die Teuerungen für die Inselbewohner sind weitere negative Aspekte. Es gibt dabei Losers und Winners.

Die extrem karge Insel gerät an ökologische Grenzen, besonders in der Wasserversorgung. Die Insel lebt von einem Reservoir im Norden, das 2018 bedrohlich wenig gefüllt war. Alle bauen verstreut über die vegetationslosen Hügel „luxury“ Appartments und verdrängen die ländlichen Siedlungen. Schafzucht lohnt schon seit langem nicht mehr.

Ein nachhaltiges Konzept für Mykonos scheint zu fehlen, es ist wohl schwer vom Image des Edlen und Lässigen zum ökologisch Sinnvollen zu wechseln.

Im Inneren der Insel hat sich ein Rest vom traditionellen Mykonos erhalten.

Für Fans des antiken Griechenlandes empfiehlt sich ein Tagesausflug auf die nahe gelegene Insel Delos. Sie war ein Handelszentrum in der ägäischen Inselwelt, ein kleines Singapur der Antike.

Aber es erstaunt uns, dass die Windmühlen im Hauptort – Wahrzeichen von Mykonos und auf jeder Postkarte verewigt – nicht in ein stadtplanerisches Konzept eingebunden ist. Lieblos wird der Platz davor als lukrative Parkfläche genutzt, an eine Restauration der Mühlen scheint bislang noch keiner gedacht zu haben.

Aber dafür ist die Insel“hauptstadt“ eine äußerst gepflegte Puppenstube, mit verwinkelten Gassen, exklusiven Bars und Boutiken und der typischen Pflasterung. Wir laufen durch blendendes Weiß mit den kräftigen Farbtupfern der Ägäis.

Wir hatten im Mai Glück und konnten vormittags unbehelligt durch die engen Gassen schlendern. Ganz anders im Oktober, als drei oder vier Kreuzfahrtschiffe auf der Reede lagen: Chinesen, Amerikaner und Briten schoben sich durch die Gassen. Erst als das letzte Schiff auslief, kehrte Ruhe für die Dauergäste der Insel ein. Dann konnten wir uns in Ruhe ein Restaurant suchen und die Stimmung des frühen Abends genießen.

Aber gänzlich konkurrenzlos ist der Blick von unserer Terrasse auf dem Hügel. Die Farben der Dämmerung verwandeln den Rest der Welt am Horizont in Orange oder Rosa. Und der Pool leuchtet unwirklich, als ob das Meer zu uns auf den Berg gekommen ist. Die Ruhe hier oben – nächtelange Parties sind in unserem Alter nicht mehr ganz so erstrebenswert – lässt uns schweben.

Marco kam zuweilen frühmorgens vorbei, um den Pool zu reinigen. Die Finanzkrise noch in bester Erinnerung fragte ich ihn, wie er die Zukuft für sich, Mykonos und sein Land sieht. Marco war sehr diplomatisch, gab aber zu, dass ihm Sorge macht, wie lange die derzeitige Politik durchzuhalten sei, ohne dass es zu politischen Verwerfungen kommt. Die Pandemie war da nicht einmal am Horizont. Er hofft, dass die strukturellen Reformen im Land erfolgreich sind. Eine Alternative mochte er sich kaum vorstellen. Seine Generation ist es, um deren Zukunft es geht.

Marco hat in den Mythos Mykonos investiert. Sein kleines Unternehmen muss sich allein im Behördendschungel und gegen die Interessen weit Mächtiger durchsetzen. Er und seine Familie, sein Fleiß und Engagement für seine Gäste, erschienen uns aber als ein gutes Beispiel dafür, dass Griechenland beste Chancen hat, die Krise hinter sich zu lassen.

Am Abend verabschiedet er sich von uns am Inselflughafen, wir sind in drei Stunden zurück in unserer Heimat.