Sepilok: Asyl für Orang Utans

Im tropischen Regen suchen auch die „Waldmenschen“ Schutz: Der Orang Utan vor uns pflückt einen Zweig und hält ihn gegen das Nass über sich. Es ist früher Nachmittag im Sepilok Orang Utan Rehabilitationszentrum in Sabah (Nordborneo), die typische Tageszeit für ein Tropengewitter. Ich bin unterwegs zu einer Feeding Platform, wo zweimal am Tag die in dem 43 km² großen Schutzgebiet ausgewilderten Menschenaffen Nahrung angeboten bekommen.

Das Sepilok-Zentrum liegt 25 km westlich der Stadt Sandakan. Der Zustand des Regenwaldes auf Borneo, dem malaysischen wie dem indonesischen Teil, ist Besorgnis erregend. Ein Schild (aufgenomen im Mulu-Nationalpark) zeigt das Ausmaß der Zerstörung von 1950 bis 2020 – was fast meine derzeitige Lebensspanne umfasst.

„56 % des ursprünglichen Waldes auf Borneo sind verloren gegangen“ heißt es dort. Ersetzt wurde der Wald durch Palmöl-Plantagen, Straßen und Siedlungen. Sabah ist nach eigenem Bekunden der drittgrößte Palmöl-Exporteur der Welt.

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Sepilok steht auf der Liste nahezu aller Reiseveranstalter, die Nordborneo im Programm haben. Der Zugang zum Park ist professionell organisiert. Ich habe mir einen Mietwagen von Sandakan aus genommen, von der Hauptstraße nach Westen geht es links ab bis zum Parkplatz vor dem Hauptgebäude. Dort findet man einen Laden mit Souvenirs, eine Dokumentation zur Arbeit des Zentrums und eine Cafeteria. Rucksäcke oder Umhängetaschen müssen deponiert werden. Für die Orang Utans scheint das eine zu große Versuchung zu sein. Sie können sich frei bewegen, die Besucher hingegen müssen hölzernen Stegen durch den Regenwald folgen.

Meine erster Anlauf ist eine Betreuungsstation, in der die Tiere langsam an die Freiheit gewöhnt werden. Von Tribünen hinter grünlichem Glas können die Besucher beobachten, wie die Pfleger mit den Tieren umgehen. Ein junger Orang Utan versucht seinen Pfleger „kumpelhaft“ zu schubsen. Der knufft ebenso freundschaftlich zurück. Insgesamt aber überlassen die Pfleger den Tieren das Feld zur Interaktion.

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Um 15 Uhr ist die Nachmittagsfütterung einen knappen Kilometer entfernt. Dabei wird den ausgewilderten Tieren auf einer hölzernen Plattform Futter bereit gestellt. Sie können dies nutzen, aber wenn genug Nahrung im Wald vorhanden ist, ignorieren sie das Angebot. Jetzt im Oktober (2019) kommen mehrere Tiere zusammen. Es ist mucksmäuschenstill, geradezu atemlos stehen die Besucher an der ihnen zugeschriebenen Stelle und beobachten aus rund 20 m Entfernung die Tiere.

Es ist ein extrem anrührender Moment. Dort drüben versammeln sich Lebewesen, die wir Menschen aus ihrem angestammten Lebensraum verdrängt haben. Sie schauen ab und an wie gleichgültig zu uns herüber und genießen die Früchte.

Kaum ein Besucher verlässt Sepilok, ohne davon bewegt zu sein. Und unter dem Dach der hohen Bäumen und dem Zirpen der Insekten wird noch einmal klar, was der Preis für den wachsenden Lebensstandard weltweit ist und bei dem Palmöl eine wichtige Rolle spielt.

Ich kehre am nächsten Mittag zurück und mache eine Wanderung durch das an Sepilok angrenzende Rainforest Discovery Center. Wieder werde ich von einem Tropengewitter überrascht, finde aber zum Glück einen Unterstand. Als die Sonne herauskommt, setze ich meinen Weg fort. Aus den Bäumen hört man ein Geräusch, als ob jemand ein Gerüst baut. Ich schaue nach oben, kaum auszumachen ist im Geäst ein junger Orang Utan. Er hat sich eine Astgabel zurecht gelegt und scheint mich zu beobachten. Dann setzt er seinen Versuch fort, mit einem kleinen Ast Insekten aus einem Baumstamm zu puhlen. Seine Ungeduld dabei kommt mir ungemein bekannt vor.