Impfen, Immunität und die Briten

Listen & Read: Elgar „Nimrod“, Salisbury Cathedral
Quelle: nbclosangeles.com, 17.1.2021

Das ist schon beeindruckend: die Salisbury Cathedral als Impfzentrum. Man muss es den Briten lassen, das hat was. Sie impfen wie die Weltmeister, mit Notzulassungen von Impfstoffen und auf Teufel komm raus. Schon im Juli wollen sie Herdenimmunität erreichen, Chapeau!

Man könnte jetzt voraussehen, dass damit die Liegestuhl-Frage am Strand von Malle oder Maspalomas geklärt ist. Aber sie müssen es auch: Die Insel ist wie kein anderes Land mit rasanten Infektionszahlen konfrontiert, mit einer Virusmutation fast exklusiv für England.

Statt Mitigationsstrategien inkl. Lockdowns zu planen, hat Downing Street wohl frühzeitig auf Impfbestellung gesetzt, früher als die EU-Kommission in Brüssel. Das Going-it-alone war ja im Brexit eingebaut. Jetzt sind zwar 100.000 Briten gestorben, mehr als anderswo in der Welt pro Kopf der Bevölkerung, dafür kann man jetzt ungehindert von Lieferengpässen impfen. Und triumphiert ungehemmt.

Dennoch, es wirft ein schlechtes Licht auf die viel gepriesene und von britischen NGOs geforderte Solidarität. Mit der Welt ja, aber nicht mit den 27 EU-Ländern?

Es brach gestern wie Donnerhall in die britischen Medien, dass AstraZeneca vielleicht keine Zulassung für über 65-Jährige in der EU erhält – weil dafür zu wenig Daten geliefert wurden. Mit dieser Impfung wurden aber die tapferen Alten auf der Insel schon versorgt, Prinzip Hoffnung. Warum sollten die Immunsysteme bei Ältern anders reagieren als bei den Jungen? Britannien leiste sich in der Not ein Experiment an der gesamten Bevölkerung, schreibt die Washington Post.

Nun stellt sich weiterhin heraus, dass das britisch-schwedische Unternehmen mit Sitz in Camebridge zwar die Insel beliefern kann, nicht aber den Kontinent, der von AstraZenecas Produktionsstätte in Belgien versorgt werden soll. Zugleich hat Pfizer angekündigt, vorübergehend weniger aus der ebenfalls in Belgien liegenden Produktionsstätte liefern zu können. Dies alles, obwohl die EU frühzeitig beide Unternehmen bei den Forschungsanstrengungen förderte (oder so liest man).

Was lernen wir? Der vielbeschworene Impfnationalismus ist in vollem Schwange und die EU kontert mit Exportverboten für Impfstoffe (was derzeit die Briten mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff träfe). Wir sind also genau da, wo wir nicht sein wollten.

Ich sehne mich nach schneller Impfung, ganz klar. Aber man sollte die Kirche (oder die Salisbury Cathedral) im Dorf lassen. Die paar Wochen weitere Einschränkungen bis zur Impfung lassen sich ertragen. Dass es überhaupt schon mehrere Impfstoffe gibt, ist ein Wunder. Und europäische Solidarität ist auch ein hoher Wert. Was nützt es mir, zu einer immunen Herde von Deutschen und Briten zu gehören, wenn die EU auseinanderfliegt? Vom Rest der Welt ganz zu schweigen.

Ich gönne den Briten den Vorsprung, they were lucky. Die Bevölkerung und die NHS zahlen dafür einen hohen Preis, der so bei uns noch nicht gefordert war. Und um Orgelmusik beim Impfen beneide ich die Briten in jedem Fall. Britannia, rule the mutation!

Quelle: THE GUARDIAN, 29 January 2021

 

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