Am Vatertag zum Vater des Bauhauses

Archiv für Schuhleisten aus Buchenholz

Bei der gestrigen Fahrt durchs Weser-Leine-Bergland waren die Gruppen von Männern mit Bollerwägen nicht zu übersehen. Unser Vatertagsausflug galt der kleinen Stadt Alfeld. Vom Walter-Gropius-Ring überquerten wir die Leine und die Bahnlinie, Schilder mit „UNESCO-Welterbe Fagus-Werk“ zeigten uns den Weg. Meinen „Bollerwagen“ parkte ich gegenüber einem gelbbraun verklinkerten Fabrikbau, auf dem die deutsche und die europäische Flagge wehten. Güterzüge ratterten im Minutenabstand über die nahegelegenen Gleise. Der Schriftzug „Fagus“ in ungewöhnlichem Design prangte auf einem Kragen um den Schornstein. Und über der fast gänzlich verglasten Fassade des Hauptgebäudes stand in Großbuchstaben „Karl Benscheidt“. Benscheidt und Gropius sind die zwei Namen, die wir später noch häufiger hörten. Denn der Unternehmer in Sachen Schuhleisten – bis heute eines der Produkte der Alfelder Fabrik – und der junge Berliner Architekt kamen im Jahr 1911 zusammen und schufen mit dem Bau einer Schuhleistenfabrik in geradezu revolutionärer Architektur und sozial-revolutionärem Anspruch die Geburtsstunde der Bauhaus-Bewegung. 100 Jahre später, 2011, wurde das Fagus-Werk zum UNESCO-Welterbe ernannt. Und im Jahr 2019 feiert das Bauhaus das hundertjährige Jubiläum seiner Gründung in Weimar.

Im „Visitor Center“ des Werkes in Alfeld, wo früher die Holzstämme als Rohstoff für Schuhleisten abgeladen wurden, informierte man uns, dass eine öffentliche Führung in einer halben Stunde stattfinden würde. Es blieb Zeit für einen Kaffee im Fagus-Gropius Cafe gegenüber, einst das Maschinenhaus der Fabrik. Unser Guide, ein Architekt im Ruhestand, berichtete zunächst, wie es zur Verbindung von Benscheidt und Gropius kam: „Ein Schwager des jungen Gropius war Landrat in Alfeld. Und Benscheidt brauchte ja eine Baugenehmigung“. Ein mutiger Unternehmer traf auf den überaus gewinnenden, gerade 28 Jahre alten Architekten aus Berlin, der sein Studium abgebrochen hatte und überhaupt schlecht zeichnen konnte. In Alfeld, weitab in der Provinz, fand er mit Benscheidt einen Partner, der offen für die Ideen von Gropius war.

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Der spätere Erfolg von Walter Gropius, der 1969 in den USA starb, beginnt hier in Alfeld, zwischen den bewaldeten Hügelketten entlang der Leine, weitab von den kulturellen Zentren seiner Zeit. Auf dem Gelände des Fagus-Werks zeigen sich die Grundzüge von Bauhaus-Architektur, aber auch von Bauhaus-Design, seien es Lichtschalter oder die Türklinken, seien es Geländer und Treppenaufgänge, innen wie außen.

Zum hunderdsten Jubiläum der Bauhausgründung gibt es im Trockenlager des Werkes über mehrere Stockwerke eine Ausstellung Mut – Die Provinz und das Bauhaus. Ein programmatischer Titel, denn es gehörte im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg Mut dazu, progressive soziale und architektonische Experimente an einem unwahrscheinlichen Ort wie Alfeld umzusetzen. Karl Benscheidt, der Gründer des neuen Werkes, das heute noch im Besitz seiner Nachfahren und damit im besten Sinne ein lebendes Museum ist, war eine solche Persönlichkeit – und damit ein Visionär. Mit Gropius traf er auf einen Nachwuchsarchitekten, der auf solchen Mut angewiesen war, bevor er und sein Mitstreiter im Bauhaus Weltruhm erhielten. Aber auch der schon in den 1920er Jahren begründete Ruf verhinderte nicht, dass die Nazis sich des Bauhauses bemächtigten und viele seiner Protagonisten ins Exil trieben.

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Die Biographie eines Walter Gropius, wie die Entwicklung der Bauhaus-Bewegung insgesamt, spannt einen Bogen durch die Geschichte Deutschlands, die über zwei Weltkriege und Naziverfolgung hinweg reicht und Architektur und Design bis heute weltweit beeinflusst. Das Fagus-Werk in Alfeld ist nicht nur ein wichtiges Stück Industrie-, Unternehmens- und Architekturgeschichte. Es ist ein in unseren Zeiten tröstliches Beispiel, wie Provinz und weite Welt sich wunderbar verbinden können. Das kann auch ein Vatertagsausflug exzellent dokumentieren.

Weitere Informationen:

Webseite zu „100 Jahre Bauhaus“

Zu „100 Jahre Bauhaus“, Guardian online, 30.3.2019