„Little Texas“ bei Celle

Wer heute die A 7 bei Schwarmstedt verlässt und auf der B 214 Richtung Celle fährt, findet kaum Hinweise darauf, dass in der Waldlandschaft mit den schmucken Dörfern unter ehrwürdigen Eichenhainen Deutschlands älteste Ölförderstätte liegt. In Wietze, gut 10 km von Celle entfernt, wurde 1858/59 zum ersten Mal nach Öl gebohrt. Zusammen mit Titusville (Pennsylvania/USA) und Digboi (Assam/Indien) im Jahr 1869 ist das Heidedorf Pionier der globalen Ölförderung. Noch heute haben Explorationsfirmen wie Haliburton oder Baker Hughes Niederlassungen in Celle.

Fast 50 Jahre vor den ersten Ölfunden im Nahen Osten wurde in Wietze bereits gefördert, bis 1963. Heute erinnert ein Erdölmuseum an den Ölboom in der Heide. Bei unserem Besuch legt der junge Museumswart einen Videofilm ein, der die Geschichte des Erdöls in Wietze erzählt und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt: Ingenieure, Ölarbeiter und deren Familienangehörige. Eine Frau berichtet, wie sie als Mädchen verbotener Weise die Bohrtürme erklommen hat – mangels anderer Spielmöglichkeiten.

In der Nachbarhalle dokumentiert eine Ausstellung die geologische Entstehung von Erdöl sowie die Fördertechniken von einst und heute. Auf einem 300 ha Gelände unter Eichen und Birken stehen Bohrtürme und Pumpen verschiedener Epochen.

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Der junge Mann erklärt, dass zunächst Ölsande aus Stollen und per Hacke und Schaufel geborgen wurden. Die Sande wurden in Wasser „gewaschen“, wobei sich das Öl an der Oberfläche sammelte und abgeschöpft werden konnte. Die Knochenarbeit ging auf die Haut, ein Foto zeigt eine Gruppe von Arbeitern ölverschmiert. „Um das ab zu bekommen, musste mit Benzin gewaschen werden. Das machte die Haut kaputt.“ Vor der Erfindung des Verbrennungsmotors war Öl Schmiermittel und vor allem Medizin. Das Öl aus dem Heideboden wurde in Wundsalben und als Tinktur verarbeitet. „Die Wildschweine der Gegend lieben die Öllöcher und suhlen sich darin,“ sagt unser Guide. Er zeigt uns ein solches Loch auf dem Gelände, an dem der schwarze Stoff dickflüssig an die Oberfläche tritt.

Später entdeckte man, dass Öl sich in tieferen Schichten als Flüssigkeit ansammelt. Da es aber keinen natürlichen Druck gibt, musste es aus den Bohrlöchern heraus gepumpt werden. Eine kleine, nur 5 PS starke Pumpmaschine reichte, um über ein Hub- und Absenksystem das schwarze Gold aus gleich mehreren Bohrlöchern zusammen zu pumpen.

Heute tragen Deutschlands Ölquellen nur zu einem winzigen Prozentsatz zur Versorgung mit Rohöl bei, und da sind die Nordseequellen bereits einbezogen. Niedersachsen liefert davon etwa ein Drittel, aber das macht noch kein Houston oder Dubai aus der Heide.

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Erdölförderung 2016

In 2016 wurden in Deutschland 2.355.028 Tonnen Erdöl gefördert.[6]

Bundesland Förderung in Tonnen Anteil in %
Baden-Württemberg 251 0,0
Bayern 37.008 1,6
Brandenburg 9.910 0,4
Hamburg 12.772 0,5
Mecklenburg-Vorpommern 3.677 0,2
Niedersachsen 802.439 34,1
Rheinland-Pfalz 187.494 8,0
Schleswig-Holstein 1.301.478 55,3
Summe 2.355.028 100

Quelle: Wikiwand.com 

Im digitalen Zeitalter mit seinen virtuellen „Realitäten“ (unter Bergbau = Mining versteht man heute das Abschöpfen unserer Daten) ist es mehr als notwendig, die Industriegeschichte unseres Landes, sei es die Ingenieurskunst oder seien es die sozialen Bedingungen und Folgen, zu dokumentieren und somit in Erinnerung zu behalten. Das gilt für die Geschichte des Erdöls in der Heide bei Celle ebenso wie für den Bergbau im Harz, an der Saar oder im Ruhrgebiet. Aus der technischen Innovationsfähigkeit, der unternehmerischen Initiative, vor allem aber aus der harten Knochenarbeit von Arbeitern in Stollen und an Hochöfen (oft aus halb Europa zugewandert!) hat Deutschland seinen industriellen Vorsprung erarbeitet, von dem wir heute noch zehren. Die Sozialgesetzgebung seit Bismarck und die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft nach 1945 haben dies einigermaßen sozial verträglich gemacht, einigermaßen. Selbst das ist heute gefährdet. Über die Spuren der Industriegeschichte wachsen buchstäblich Gras und Bäume. Und gäbe es nicht Museen wie in Wietze und die Erzählungen der Menschen dort, die Bohrtürme in der Heide würden allenfalls als vergessene Baugerüste wahrgenommen.