Bibliotheken – Weisheit in Regalen

Alter Lesesaal der British Library

Bibliotheken sind Orte gedruckten und gesammelten Wissens. Wer an den Regalen entlang wandelt, erspürt einen Sinn für Weisheit und Wahrheit. Jedenfalls ging es mir so im Oktober 1979, als ich für einige Tage im berühmten Lesesaal der British Library nach alten Karten für meine Staatsexamensarbeit forschte. Hier hatten Karl Marx, Mark Twain, Oscar Wilde oder George Orwell schon gearbeitet.

Bei einem kürzlichen Besuch in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, vor allem im Rokoko-Saal, der durch den Brand von 2004 stark beschädigt worden war, fühlte man den Geist von Bildung und letztlich Weisheit zwischen den Regalen und Büsten. Goethe war hier, und Schiller und wer sonst noch aus der „Kulturszene“ des 18. Jhs. in Weimar.

Die Liebe, mit der hier Bücher gesammelt und präsentiert (und die Brandschäden repariert) wurden, ist einzigartig. Ein realer Ort, Gedrucktes zum Anfassen – nicht Mausklicks oder Scrollen von Wikipedia-Artikeln.

Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek
Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek Quelle: wolfenbuettel.de

Nun muss ich als Wolfenbütteler gar nicht nach Weimar fahren: „Unsere“ Herzog August Bibliothek kann bestens mithalten. Und war es dort Goethe, so ist es hier Lessing, der einst Schutzherr jener gedruckten Weisheit war.

In jedem Fall erinnern prächtige Bibliotheken überall in der Welt – wie jüngst die neu eröffnete Bibliothek von Tianjin in der Volksrepublik China – daran, dass jenes gesammelte und für jeden zugängliches Wissen eine der zentralen kulturellen Leistungen der Menschheit ist. Dies galt schon in der Antike für die berühmte Bibliothek von Alexandria, deren Leiter Ptolemäus war. Zwar wurde das Weltbild des berühmten „Berufskollegen“ (Ptolemäus war u.a. Geograph) in der frühen Neuzeit wissenschaftlich widerlegt, aber sein Wissen über den Globus galt fast 1500 Jahre unverändert.

 Das Design stammt aus dem niederländischen Architekturbüro MVRDV. Die...
Bibliothek von Tianjin Quelle: Spiegel online

Im Zeichen von Tweets und Fake News, wo Lügen schneller in die Welt gesetzt werden, als sie zu widerlegen sind, bleiben unsere Bibliotheken nicht nur Schätze des kulturellen Erbes, sondern Monumente für prüfbares Wissen und den zivilisierten Diskurs darüber, den keine Twitter-Nachricht ersetzen kann.