Guantanamo von Britisch-Indien

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Ein Flügel des Cellular Jails. Im Hintergrund Ross Island

Politische Gefangene (derzeit wahlweise auch „bad dudes“ oder „Terroristen“ genannt) auf entfernte Inseln wegzusperren ist keine neue Idee. Man denke an die Teufelsinsel in Französisch-Guayana („Papillion“). Heute gehört das US-Lager Guantanmo auf Kuba ebenso dazu, wie das auf Diego Garcia im Indischen Ozean. Auch die kolonialen Herrscher über Indien hatten ihre Gefangeneninsel: Nach dem Sepoy-Aufstand von 1857 wurden Rädelsführer auf die Andamanen verbannt. Hier entstand Ende des 19. Jahrhunderts dann mit dem Cellular Jail in Port Blair das größte Gefängnis in Britisch-Indien.

Mit dem Entzug von Freiheit zu bestrafen ist eine Erfindung der Neuzeit. Denn erst seit der Aufklärung gibt es den Freiheitsbegriff im heutigen Sinn. Und erst so konnte deren Entzug als Strafe gelten. Für Gefangene, die aus politischen Gründen eingekerkert werden, ist die Isolation in einer Zelle, von Folter ganz zu schweigen, besonders erniedrigend. Daran ändert auch die tropische Idylle solcher Gefängnisinseln nichts, eher im Gegenteil.

Mit der Zunahme politisch motivierter Gewalt im indischen Unabhängigkeitskampf füllten die Kolonialherren die Kerker auf den Andamanen auf. Für Indien sind die Gefangenen heute „Freedom Fighters“, eine ewige Flamme im Innenhof des Gefängnisses erinnert an ihr Leid. 1933 trat eine Gruppe von Häftlingen in Hungerstreik, den drei nicht überlebten. 1938 wurden alle Gefangenen aufs Festland überstellt.

1941 zerstörte ein Erdbeben große Teile der Gefängnisanlage, heute sind nur einige Flügel zugänglich. Cellular Jail ist ein nationales Monument im unabhängigen Indien. Es steht auf der UNESCO-Welterbe-Liste als Beispiel für infame Gefängnis-Architektur. Neben dem Besuch des Dokumentationszentrums empfiehlt sich abends im Innenhof eine „Sound & Light Show“. Zwar sind solche Veranstaltungen oft pathetisch oder kitschig, aber die im Cellular Jail ist beeindruckend. Nicht zuletzt auch wegen der Atmosphäre im fahlen Licht des tropischen Abendhimmels.

Ross Island – Refugium der Gefängnisverwaltung

Auf Sichtweite der Gefängnismauern liegt eine kleine Insel, welche die Beamten des Cellular Jails und deren Familien beheimatete. Ross Island war mit allen zivilisatorischen Annehmlichkeiten ausgestattet, von einer Bäckerei, die frische Baguettes lieferte, bis zur Meerwasserentsalzungsanlage und einer Eisfabrik. Ein kleiner Teich lud sonntags, nach Besuch der presbyterianischen Kirche, zum Bootsfahren ein. Auch Ross Island wurde nach dem Erdbeben 1941 nicht mehr bewohnbar. Heute hat sich die tropische Natur die Insel zurück geholt. Zwar sind einige Gebäude rekonstruiert und restauriert, der Rest aber ist wie in einem Harry Potter-Film mit Wurzeln und Schlingpflanzen überzogen. Von der Kirche sind nur die Außenmauern stehen geblieben.

So bleiben Ross Island und das Cellular Jail Symbole für die Hybris einer Zeit, die gerade einmal acht Jahrzehnte vorbei ist. Es macht daher nachdenklich sich vorzustellen, was von der Hybris des Jahres 2017 in 2097 noch übrig sein mag. Die Vorstellung eines von Schlingpflanzen überwucherten Bankturms oder eines Präsidentensitzes mag einem einfallen, aber vermutlich ist dies dann ökologisch gewollt.

Weitere Informationen:

Klicke, um auf Cellular_Jail_Brochure.pdf zuzugreifen

Cellular Jail als UNESCO-Welterbe

Cellular Jail bei Wikipedia

Ross Island (Andamanen) bei Wikipedia

Fate of thw Andamese Tribe. THE HINDU online, 28 Oct. 2018