Global Player: Ming-China

ming-dynastieIm August 1410 bot sich am Elbufer bei Hamburg ein eindrucksvolles Schauspiel: 48 mehrmastige Schiffe unter der Flagge des Kaisers von China kamen mit auflaufender Flut in den Hafen der Hansestadt. An Bord waren 30.000 Seeleute und Händler, Diplomaten und kaiserliche Botschafter. Die Ratsherren zeigten sich ob der notwendigen Etikette ziemlich ratlos, aber schließlich tauschte man Gastgeschenke aus (eine holsteinische Milchkuh für den Kaiserhof in Peking, in Salz eingelegte Heringe und etwas Bernsteinschmuck; man erhielt dafür Porzellangeschirr und Seidenstoffe).

Das sind natürlich Fake News aus der Geschichte. Aber es hätte durchaus sein können, dass eine Explorationsflotte aus dem Reich der Mitte die deutsche Nordseeküste „entdeckt“ und mit unglaublichen Geschichten aus dem Land der Barbaren nach Nanjing zurück kommt. Denn innerhalb von zwei Jahrzehnten in der Regentschaft des Kaisers Yong Le (1402-1424) wagte China eine Öffnung zur Welt. Und das mit aller Macht: In sieben großen Expeditionen bewegte sich eine Armada von Dutzenden Schiffen und mit Besatzungen von bis zu 40.000 Seeleuten vom Hafen Nanjing aus über das Südchinesische Meer in den Indischen Ozean und erkundete die Küsten von Vietnam, Malaysia, Indien und Ostafrika. Die Schiffe waren waren kleine Farmen zur Selbstversorgung und damit für monatelange Fahrten über das offene Meer ausgestattet. Es muss ein unglaublich machtvolles Bild gewesen sein, wenn diese Flottille am Horizont auftauchte. Ming-China wollte nicht erobern, sondern die Länder des Erdballs dazu bewegen, dem Sohn des Himmels Tribut zu zollen. Tiere und Waren aus fernen Ländern brachte die Flotte zurück nach China, auch Botschafter der aufgesuchten Länder waren an Bord, um in Nanjing und der neuen Hauptstadt Peking dem Kaiser zu huldigen. Ganz im Sinne eines „Reiches der Mitte“, für das der Rest der Welt mehr oder weniger barbarisch war.

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Modell der Flotte von Admiral Cheng Ho im gleichnamigen Museum in Malacca (Malaysia)

Zum Oberbefehlshaber der Expeditionen ernannte Yong Le den Eunuchen Cheng Ho (auch: Zheng He). Chengo Ho war Muslim und stammte aus Yunnan. Erster großer Stützpunkt der Ming-Explorationen wurde die Stadt Malacca an der gleichnamigen Meeresstraße in Malaysia. Cheng Ho wird hier bis heute hoch verehrt. Im Jahr 1409 – auf der dritten Expedition – ernannte Cheng Ho im Auftrag des Kaisers den Herrscher von Malacca zum König unter dem Schutz Chinas. Es war nicht nur der Beginn des außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstiegs von Malacca, es war zugleich in gewisser Weise der „Gründungsakt“ vom heutigen Malaysia – wenn dazu auch noch mehr als 500 Jahre vergehen mussten. Ein anderer Aspekt wird oft übersehen: Mit Cheng Ho begann die Migration von Chinesen nach Nanyang (= „Südliches Meer“, Südostasien), deren Nachkommen das Wirtschaftswunder von Malaysia und Singapur bis heute mit tragen.

Wer das Cheng Ho Cultural Museum in Malacca besucht, der erhält einen Eindruck von der Ehrerbietung, vor allem auch der kulturellen Wirkung, die Cheng Ho hier und in „Greater Nanyang“ erzielte. Der älteste chinesische Tempel außerhalb des Festlandes steht in Malacca, dazu der größte chinesische Friedhof außerhalb Chinas. Malacca ist bis heute ein „Außenposten“ Chinas, und es buhlt um dessen Investitionen. Aber auch anderswo finden sich Relikte der chinesischen Exploration in der frühen Ming-Zeit, so in Cochin (Kerala), wo man bis heute die Chinese Fishing Nets zeigt.

Trotz dieser nachhaltigen Spuren chinesischer Präsenz in Übersee, mit der siebten und letzten Expedition war die Zuwendung zur Welt beendet. Cheng Ho starb auf dem Rückweg der letzten Flotte im Jahrt 1433, die Expeditionen wurden eingestellt, mehr noch alle Schiffe und Unterlagen vernichtet. Als 1498 Vasco da Gama in Calicut an der Malabarküste auftauchte, waren die Besuche der Ming-Flotte mehr als 60 Jahre früher schon Legende. China schloss ich wieder ein, während der „Westen“ gerade begann, die Welt zu entdecken und schließlich zu erobern. Und China selbst wurde im 19. Jh. Opfer des westlichen Imperialismus.

Umso erstaunlicher, dass China derzeit bei seinen Gebietsansprüchen im Südchinesischen Meer als Imperialist am Pranger steht. Nach eigenem Verständnis sieht sich die Volksrepublik in der Tradition der historischen Ansprüche auf Nanyang, insbesondere die Inseln und Atolle. Vom „Trump Tower Süd“ würde sich daher wenigstens der Versuch lohnen, in den aufkommenden Konflikt mit China eine historische Perspektive einzubringen. Auf einer solchen Basis ließe sich eine Kompromisslösung und ggf. ein Ausgleich finden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass nicht nur viel Ming-Porzellan zerschlagen wird, sondern gleich die ganze Welt in Scherben fällt.

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Innenhof im Cheng Ho Cultural Museum, Malacca

Weitere Informationen:

Cheng Ho (alias Zheng He) bei Wikipedia

Kaiser Yong Le bei Wikipedia

Südchinesisches Meer bei Wikipedia

THE GUARDIAN, 6.2.2017

Yard sale bowl a rare Chinese artifact. THE GUARDIAN online, 2 March 2021